WISSEN & GESUNDHEIT

Die obere Halswirbelsäule: Wie Atlas und Axis unseren Kopf bewegen

Den Kopf drehen, leicht zur Seite neigen oder den Blick nach vorne richten: Diese Bewegungen erscheinen selbstverständlich. Direkt unter dem Schädel arbeitet dafür ein besonderer Gelenkkomplex.
Die Verbindung zwischen Hinterkopf, erstem und zweitem Halswirbel ermöglicht grosse Bewegungen und feine Anpassungen. Gleichzeitig muss sie den Kopf zuverlässig führen. Um Beschwerden in diesem Bereich zu verstehen, lohnt sich deshalb ein Blick auf das Zusammenspiel von Gelenken, Muskulatur und der Steuerung unserer Blickrichtung.

Illustration der oberen Halswirbelsäule von hinten mit beschriftetem Hinterhaupt (C0), Atlas (C1) und Axis (C2).

C0, C1 und C2: Was bedeuten diese Bezeichnungen?

C0 bezeichnet den Hinterkopf beziehungsweise die Schädelbasis. Darunter liegt C1, der Atlas. Dieser ringförmige erste Halswirbel trägt den Kopf. C2, der Axis, bildet darunter eine wichtige Grundlage für die Kopfdrehung.

Der Axis besitzt einen nach oben gerichteten Knochenfortsatz: den Dens. Er liegt innerhalb des Atlasrings und bildet einen zentralen Bestandteil des Drehmechanismus. Gemeinsam mit den seitlichen Gelenken ermöglicht er, dass sich Atlas und Kopf gegenüber dem zweiten Halswirbel drehen können.

Die beiden Gelenkebenen übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben: Zwischen Hinterkopf und Atlas findet vor allem die Nickbewegung statt. Zwischen Atlas und Axis liegt der Schwerpunkt auf der Drehbewegung.

Warum C1–C2 für die Kopfdrehung so wichtig ist

Die Drehbewegung verteilt sich nicht gleichmässig über die Halswirbelsäule.

Allein zwischen Atlas und Axis sind ungefähr 35–40 Grad Drehung nach jeder Seite möglich. In einer Untersuchung während aufrechter Kopfdrehung übernahm dieses Gelenk damit ungefähr die Hälfte der gesamten Bewegung. Die einzelnen Gelenkabschnitte weiter unten tragen jeweils deutlich weniger bei.

Eine weitere Untersuchung verdeutlichte den Unterschied: Zwischen Hinterkopf und Atlas wurden etwa 2,5 Grad Drehung pro Seite gemessen. Zwischen Atlas und Axis waren es rund 37,5 Grad. In der unteren Halswirbelsäule erreichte selbst der beweglichste untersuchte Abschnitt nur etwa 5,5 Grad.

Eine Einschränkung zwischen C1 und C2 kann deshalb einen wichtigen Anteil der Kopfdrehung betreffen. Für die Untersuchung ist trotzdem entscheidend, wie sich die gesamte Halswirbelsäule bewegt und welche Bewegung die Beschwerden tatsächlich beeinflusst.

Drehen und Seitneigen gehören zusammen

Die Kopfgelenke bewegen sich dreidimensional. Eine Drehung besteht deshalb nicht nur aus einer reinen Rotation um den Dens. Hinzu kommen kleine Gleitbewegungen und begleitende Neigungen.

Untersuchungen zeigen beispielsweise: Beim Drehen des Kopfes tritt in der oberen Halswirbelsäule häufig eine Seitneigung zur entgegengesetzten Seite auf. Weiter unten kann die begleitende Seitneigung in die gleiche Richtung erfolgen. Diese Bewegungen ergänzen sich und helfen dabei, den Kopf während der Drehung vergleichsweise aufrecht zu halten.

Auch beim seitlichen Neigen ist eine Drehkomponente beteiligt. Eine Untersuchung mit zwölf gesunden Personen zeigte zwischen C1 und C2 eine deutliche Drehung entgegen der Richtung der Seitneigung. Wenn wir den Kopf seitlich kippen, müssen die beteiligten Gelenke also auch gekoppelte Bewegungen zulassen.

Deshalb betrachten wir in der Therapie Drehung, Seitneigung und Nickbewegung im Zusammenhang. Welche Gelenke behandelt werden sollten, ergibt sich aus der Untersuchung.

Viel Beweglichkeit braucht eine präzise Führung

Die grosse Beweglichkeit macht die obere Halswirbelsäule nicht automatisch instabil. Bänder, Gelenkkapseln und Muskulatur führen und begrenzen die Bewegung.

Wie wichtig die Bänder dabei sind, zeigen biomechanische Untersuchungen: Werden bestimmte stabilisierende Bänder verletzt beziehungsweise im Versuch durchtrennt, verändert sich die Beweglichkeit des Gelenkkomplexes. Ein gesunder, beweglicher Atlas ist deshalb etwas anderes als eine krankhafte Instabilität.

Eine weitere Besonderheit liegt in der tiefen Nackenmuskulatur. Sie enthält besonders viele Muskelspindeln – Sensoren, die Informationen über Muskeldehnung und Bewegung liefern. Diese Ausstattung unterstützt die genaue Wahrnehmung der Kopfstellung.

Was die Augen mit dem Nacken zu tun haben

Während wir gehen, den Oberkörper bewegen oder den Kopf drehen, soll unser Blick möglichst stabil bleiben. Dafür arbeiten Augen, Gleichgewichtsorgan und Informationen aus dem Nacken zusammen.

Ein wichtiger Mechanismus ist der vestibulookuläre Reflex, kurz VOR. Dreht sich der Kopf beispielsweise nach rechts, können sich die Augen ausgleichend nach links bewegen. So bleibt ein betrachteter Gegenstand im Blick. Auch Signale aus dem Nacken tragen zur Blickstabilisierung bei.

Die Ausrichtung des Kopfes und die Stabilisierung des Blicks sind dabei verwandte, aber unterschiedliche Aufgaben. Der VOR allein hält weder den Kopf noch die Augen dauerhaft auf gleicher Höhe. Dafür arbeitet ein umfassenderes System der Bewegungs- und Haltungssteuerung zusammen.

Warum wir auch unterhalb des Nackens untersuchen

Verändert sich die Stellung des Oberkörpers, kann sich auch die Position des Kopfes dazu verändern. Die Halswirbelsäule bietet Möglichkeiten, die gewünschte Blickrichtung trotzdem beizubehalten.

Ein anschauliches Beispiel: Wenn Sie den Oberkörper nach vorne neigen und weiterhin geradeaus schauen möchten, muss sich die Kopfstellung gegenüber dem Rumpf anpassen.

In unserem FOI-orientierten Vorgehen beziehen wir solche Zusammenhänge in die Untersuchung ein. Wir prüfen, ob Bewegungen anderer Körperregionen die Nackenfunktion beeinflussen und ob sich durch eine Behandlung etwas nachvollziehbar verändert.

Nicht jede Haltungsabweichung verursacht Beschwerden, und nicht jede Anpassung ist problematisch. Die Vorstellung bestimmter Kompensationsketten ist ein therapeutisches Erklärungsmodell. Ob ein vermuteter Zusammenhang für Sie relevant ist, muss sich in der Untersuchung und bei der erneuten Bewegungsprüfung zeigen.

WICHTIG ZU VERSTEHEN

Viel Beweglichkeit und feine Ausgleichsarbeit

Der obere Kopfgelenkkomplex ermöglicht besonders viel Drehbewegung: Zwischen Atlas und Axis sind etwa 35–40 Grad pro Seite möglich.
Gleichzeitig wirkt diese Region an der Ausrichtung des Kopfes mit. Wenn sich die Haltung oder Bewegung darunter verändert, kann sie einen Teil davon ausgleichen, damit die gewünschte Blickrichtung erhalten bleibt. Hier können deshalb mehrere Bewegungsanpassungen zusammenlaufen. Bei Beschwerden lohnt sich der Blick auf das Zusammenspiel mit der übrigen Halswirbelsäule und dem Rest des Körpers.

Was bedeutet das für die Physiotherapie?

Bei Beschwerden am oberen Nacken untersuchen wir, welche Bewegungen eingeschränkt oder schmerzhaft sind. Wir betrachten den Bereich C0–C2 gemeinsam mit den angrenzenden Abschnitten und beziehen weitere Regionen ein, wenn die Befunde dafür sprechen.

Nach einer gezielten Massnahme prüfen wir die betreffende Bewegung erneut. Anschliessend geht es darum, die erreichte Beweglichkeit selbst zu kontrollieren und in den Alltag zu übertragen.

Unser Ziel ist eine Kopfbewegung, die sich freier anfühlt und zuverlässig führen lässt.

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SINN SECHS PHYSIO

Fällt Ihnen das Drehen oder Neigen des Kopfes schwer?

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